Ich knüpfe mit meiner Erzählung geographisch und thematisch an meine Einträge
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an und schildere heute meine Eindrücke einer
"Reise in die Vergangenheit",
die ich vor Jahren unternahm.
Ich war etwa sieben Jahre alt, als wir "zu anderen, neuen Ufern aufbrachen", Ruhrgebiet, Kohlenpott, Dortmund.
Umzug..
Das liebenswerte idyllische kleine Städtchen in der verträumten Grafschaft sollte bald der Vergangenheit angehören, und seinen Platz in der Erinnerung finden.
Noch sehr genau ist mir der Tag des Auszuges aus der "weißen Villa" im Gedächtnis, ich ging ein letztes Mal mit meiner Schwester durch die leeren Räume der unteren Etage, es war sonnig, und unsere Stimmen hallten wieder in der Leere.
Wir schauten durch die Fenster in den großen Garten und sahen den Rand des Regenwaldes.
Es hieß, ins Auto steigen und abfahren.
Meine Schwester nahm eine Stecknadel - ich weiß nicht, woher sie diese nahm, denn alles war eingepackt und abtransportiert - ging mit mir in das Herrenzimmer, das durch eine zweiflächige Schiebetür vom Salon getrennt war und kniete sich in einer Ecke nieder, wo eine nichtbenutzte runde Kaminöffnung übertapeziert war.
Dort stach sie mit der Nadel ihr Monogramm in die Seidentapete, und ich blieb bei ihr stehen und betrachtete ihr Werk: Es war sehr akkurat und gelungen. *)
Befriedigt verließen wir das Haus..
für immer.
Trotz der Erwartung auf das Neue denke ich, waren wir beide auch voller Wehmut..
Es war wohl dreissig Jahre später, als ich mehr zufällig beruflich in der Nähe zu tun hatte, und dieses zum Anlass nahm, einen Abstecher für mich ganz allein in den Ort meiner Kindheit zu unternehmen.
Ich war inzwischen Generalbeauftragter in einem großen Finanzkonzern geworden und Vorsitzender Vorstand des sog. Hausvereines dieses Unternehmens, war verheiratet und hatte selbst Kinder.
Mein Kopf war voll mit ach so unwichtigen aktuellen Dingen.
Ich war mit meiner eigenen Limousine unterwegs und fand die Plätze meiner Kindheit relativ mühelos wieder.
Natürlich konnte ich nicht überall lange verweilen, deshalb sog ich wie in einem Film im Vorbeifahren und kurz Aussteigen die Erinnerungen ein, die sich vor meinem geistigen Auge abspielten..
Dennoch gab es einige Orte, denen ich mich mehr hingab.
So fuhr ich also von der am Ortsrand gelegenen "weißen Villa" vorbei an dem Freibad meiner Kindheit

in den alten Stadtkern, wo ich mich an einen kleinen Buchladen und an ein ebenfalls sehr kleines, aber fast märchenhaftes Spielwarengeschäft erinnerte.

Hier war zur Weihnachtszeit u. a. im kleinen Schaufenster eine wunderschöne Landschaft mit einer Spielzeugeisenbahn aufgebaut, draußen an der Scheibe war ein Knopf und wenn der gedrückt wurde, fuhr die elektrische Bahn einige Runden, um dann den nächsten Knopfdruck eines anderen Kindes abzuwarten.
"Admiral-Scheer-Schule",

meine erste Klasse, der Lehrer in Klepper-Regenmantel und mit Geige.. Herr F.
"Ralli ist sehr fleißig und gewissenhaft", war der Eintrag meines ersten Zeugnisses.
Der Name der Schule an der Fassade war verblichen, das relativ kleine Gebäude gab es aber noch, es wurde für andere Zwecke genutzt.
Dann ging ich zu der Firma, in der mein Vater in leitender Stellung nach dem Krieg wieder "angefangen" hatte.
Eine Spezial"maschinen"baufirma mit Marktführerniveau, lasst es mich mal so ausdrücken, mehr kann ich hier dazu nicht sagen.
Ich hatte als kleiner Junge meinen Vater wohl einmal in der Firma in seinem Büro besucht, ein Freund nahm mich mit, da sein Vater auch als Ingenieur dort arbeitete. Ich hatte die Örtlichkeit noch genau in Erinnerung.
Mein Vater war allerdings inzwischen verstorben.
Und nun geschah folgendes:
Ich erreichte also diese Straße und das Gebäude. Alles sah genauso aus, wie vor rund 30 Jahren.
Ich ging die Stufen zum Eingang hoch und berührte ein Dornröschenschloß..
ja, die Zeit war stehen geblieben.
Alles war so, wie ich es vor Jahrzehnten letztmalig gesehen hatte.
Unbewohnt, unbenutzt..
rätselhaft..
Ich schaute durch die verstaubten Scheiben in die Büroräume, sah die Türen mit den Milchglasscheiben, die Täfelung, Namensschilder.
Alles aufgeräumt, aber verstaubt. Alte Akten mit Aktendeckeln aus den 50er Jahren.
Mir wurde unheimlich. War ich in eine Zeitreise geraten?
Aber so etwas gibt es doch garnicht?
Die Firma war abgeschlossen, seit Jahrzehnten.
Was war geschehen?
Ich fand mich gedanklich zurück in die Gegenwart.
Ich ging die Straße hinab und fragte den nächsten, der mir entgegenkam.
Nun, die Erklärung war einfach aber dennoch rätselhaft: Das Unternehmen hatte erheblich expandiert und im Nachbarort neue Fabrikhallen und Verwaltungsgebäude errichtet.
Die alten Gebäude hatten eine Art Museumsfunktion.
Für mich sah es so aus, als hätte das Schicksal sie für meine Erinnerung konserviert, unberührbar, geschützt, nicht antastbar. 
Meine Schritte führten mich zu der alten romanischen Stiftskirche, in der ich getauft wurde.

An meine Taufe kann ich mich sehr gut erinnern..
ja, da staunt ihr? Aber das liegt nicht an Rallis womöglich phänomenalem Gedächtnis, sondern an dem Umstand, dass ich damals fünf oder sechs Jahre alt war.
Dieses ist eine eigene interessante Geschichte, die den Rahmen dieser Erzählung aber m. E. überdehnen würde.
Jedenfalls fand ich einen unverschlossenen Seiteneingang, aus dem eine Frau heraustrat, offensichtlich die Pastorin.
Sie war hilfsbereit, fragte, ob ich etwas suche u.s.w..
Ich erklärte ihr, dass ich in meiner Kindheit in diesem Städtchen mit meinen Eltern gelebt hatte, ich die Kirche besichtigen möchte, in der ich getauft wurde, woran - wie gesagt - ich mich genau erinnere.. 
Die Pastorin, die zunächst erfreut war, einen ehemaligen dort Getauften zu treffen, brach in ihrer Rede ab, schaute mich irritiert an..
ihr Blick wurde fragend, dann kritisch..
ja, ich erinnere mich noch genau.. hörte ich mich sagen.
Das war es dann, höfliche Verabschiedung und "bloß weg", mochte sie gedacht haben.
Ich stand allein da.
Ich konnte mich an meine beiden Taufpatinnen erinnern.
Eine von Ihnen war eine ungewöhnlich schöne und erotische Frau. So erotisch, dass es mir mit fünf Jahren schon auffiel, das diese Frau etwas hatte, was alle Erwachsenen wahrnahmen, aber nicht darüber sprachen.
Sie wohnte in diesem Städtchen mit ihrer Mutter, war verheiratet mit einem Mann, der einen kleinen Handel betrieb und im Krieg ein Bein verloren hatte. Sie hatte mindestens einen Sohn, mit dem ich gelegentlich bei dieser Familie spielte.. ein paar wenige Mal.
Ob sie diesen Mann nach dem Krieg heiratete, als er schon Invalide war oder vorher, ich weiß es nicht. Es wurde erzählt, dass diese Frau und ihre Mutter aus dem Osten Deutschlands gegen Kriegsende geflohen seien.
Ich erzähle dieses so ausführlich, weil diese Dame in meinem Leben eine Rolle bekam, die sehr umstritten ist.
Sie hatte, einfach gesagt, keinen guten Ruf in den gesellschaftlichen Kreisen dieses grafschaftlich geprägten kleinen Städtchens mit dem evangelischen Alt-Damen-Sift und einem residierenden Fürsten in der Nachbarschaft.
Was davon zutraf, ich weiß es nicht, es hat mich nie gekümmert.
Nun war es aber so, dass nach dem Krieg das sog. Wirtschaftswunder auch dort begann, und gesellschaftliches Leben wieder einen Anfang nahm.
Mercedez-Benz-Cabriolet, Ballkleider der Damen für Firmenjubiläen, die internationale Hannover Messe.. das Ereignis, ausländische Geschäftsbesuche. Einladungen innerhalb der örtlichen tatsächlich oder vermeintlich "gehobenen" Gesellschaft u.s.w..
Zu besonderen Anlässen wurde in ein exquisites Waldrestaurant eingeladen, das den schönen Namen "Zur süßen Mutter" trug, und deren Pächter ich Jahre später in einer anderen deutschen Stadt wiedertraf.
Ich erinnere mich an Feiern mit "handverlesenen" Gästen in der "weißen Villa", denn wenn ich anderntags morgens in den Salon kam, war dort ein interessanter Geruch, der mir neu war:
Zunächst einmal kalter Tabakrauch, dezenter Alkoholgeruch, Sektflaschen, Gläser, Luftschlangen, Konfetti, Scherzartikel, kleine Hütchen aus Silberpappe in rot, grün, blau oder gold..
kalte Platten, Knabbergebäck, Salzstangen..
und vor allem, der Duft nach schönen Frauen.
Lacht nicht, schöne Frauen haben einen eigenen Duft. Kann sein, dass sie ihn selbst nicht wahrnehmen, aber - auch als kleiner Junge - fiel mir dieser seltene und sehr stimulierende Duft schöner Frauen auf.
Ja, ihr lieben Hübschen, da wißt ihr möglicherweise selbst nichts von?
Aber deshalb erwähne ich es hier.
Nun, aus naheliegenden Gründen wurde diese Dame zu "uns" eingeladen.
Ob zunächst mit ihrem Gatten oder alleine, ich weiß es nicht genau.
Dann befreundete Ingenieure, Prokuristen u. a.
Deutschland war wieder auf der "Einbahnstraße nach oben"..
Jahre später, als diese besagte Dame schon lange die Geliebte meines Vaters geworden war, wie mir meine sehr enttäuschte Mutter erzählte, erfuhr ich Details über sie und diese Feiern:
Es war ein kleiner Skandal, als zu fortgeschrittener Stunde und in angeheiterter Stimmung, jene besagt Dame, meine spätere Taufpatin, vielleicht formal durch eine Wette oder Mutprobe in Anwesenheit einiger Herren und deren Ehefrauen sich entkleidete und ihren zweifelsohne wunderschönen Bilderbuchkörper mit dem krönenden Abschluss eines gekonnten Kopfstandes zwischen den Sektgläsern auf dem Salontisch allen Anwesenden selbstsicher präsentierte.
Ralli schlief zu dieser Zeit in seinem Kinderbettchen und träumte.. vermutlich.
Man hätte mich doch mal wecken können? 
Ich erzähle das jetzt so locker, aber diese Präsentation hatte weitreichende Folgen für die Ehe meiner Eltern und die Ehe dieser Frau und für ihren Sohn oder Söhne.
Während in meiner Familie diese Geliebte meines Vaters ein Tabuthema wurde und blieb, und die moralische "Schuldfrage" - wenn überhaupt - zu Lasten dieser als Flittchen eingestuften Frau entschieden wurde, sah es die Familie dieser Frau, insbesonders der Sohn - wie ich nach Jahrzehnten zufällig und nicht von ihm erfuhr - völlig anders: Seine unschuldige Mutter sei verführt worden, ihren Mann zu verlassen.
Eine Version, die mich überraschte..
Die Liaison dauerte rund zehn Jahre und war zumindest für meine Mutter eine bittere Enttäuschung, auch wenn sie relativ spät davon erfuhr.
Für mich war es - als es zum Knall kam, mit etwa 13 Jahren - ein traumatisches Erlebnis. So traumatisch, dass es mich mindestens drei Jahre meines Lebens kostete..
Soweit für heute meine Reise in die Vergangenheit.
Ciao
P. S. Korrekturlesen, wie gehabt, beizeiten. 
*) Wie sehr mochte ich meine "große" Schwester, wie oft hatte sie mir geholfen! Im Salon hingen z. B. eine Reihe von Ölgemälden, und eines, das ich - warum auch immer - unerlaubterweise von der Aufhängung nahm, fiel mir zu Boden. Dabei brauch ein kleines Stück aus dem blattvergoldeten Rahmen. Aber meine Schwester verriet nichts, sie besorgte von einer Minute auf die andere eine Tube Uhu-Klebstoff und fügte das Teil wieder fast unsichtbar ein. Niemand hat es je erfahren.
Nur wer unser kleines Geheimnis kennt, entdeckt beim Nachlass meiner Eltern das Bild mit dieser kleinen Stelle am Rahmen.. 